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Kunststoffrecycling - "Die Quadratur des Kreises"

Erdrückender Kunststoffabfall

2011_apme_plastic_recycling_2010.jpgWir ersetzen Stahl, Glas, Holz und andere Werkstoffe immer mehr durch Kunststoffe und während der Plastikverbrauch unserer Gesellschaft stetig ansteigt und unsere Deponien an ihre Grenzen stoßen, wird seit Jahren in der Öffentlichkeit der Eindruck aufrechterhalten, daß wir durch Sammeln und Recyceln unseren Abfall und unsere Ressourcen kontrollieren. Die EU Kommission demonstriert Entschlossenheit durch hohe Verwertungs-Quoten, die aber nicht zwangläufig zu mehr Recycling führen.
Die Wirklichkeit erschließt sich erst, wenn man die existierenden Daten bis  2010 im Zusammenhang sieht: Wir vergraben immer noch 42% und verbrennen 34% des gesammelten Kunststoffabfalls (2003 waren es 60% und 20%). Damit haben wir immer noch 76% (zirka 16.4 Millionen Tonnen) des Abfalls in Europa „wieder der Natur zurückgegeben“; man muss sich aber fragen, ob dies auf umweltfreundliche Weise geschieht, selbst wenn Verbrennen als energetische Verwertung von der Kunststoffindustrie oft als beste Lösung favorisiert wird - von der EU Kommission aber ausdrücklich nicht als Recycling gewertet wird. Werkstoffliches Recycling hat seine Grenzen, obwohl man nicht die Mengen unterschätzen sollte, die hier recycelt werden (6 Millionen Tonnen). Rohstoffliches Recycling spielt heute eigentlich keine Rolle und wird seit 2008 nicht mehr aufgeführt. Die Daten für die Graphik stammen aus der 2011 veröffentlichten Studie „Plastics - The  Facts 201136)“ und den früheren Publikationen 1,33,34,35)  von Plastics Europe – Association of Plastics Manufacturers (APME-www.plasticseurope.org).

2006.04.17 icis plastic recycling overstated.jpgDie von APME in 20062) publizierten hohen Recyclingraten wurden damals vom Europäischen Verband der Kunststoff-Recycler (EuPR) stark angezweifelt31), die einen Rückgang beim Recycling beobachten und besonders den Plastikabfall-Export als geschäftsschädigend betrachten (Quelle: http://www.plasticker.de ). An den neuen Studien hat EuPR mitgewirkt und der Trend zeigt deutlich, daß die produzierten und in Europa verbrauchten Kunststoffmengen bis 2007 rapide ansteigen, um dann in der „Finanzkrise 2008/2009“ abzufallen mit einer leichten Erholung in 2010, während die gesammelten Abfallmengen stagnieren und über die letzten 17 Jahre deutlich abfallen. Bezogen auf den Verbrauch ergeben sich Recyclingquoten nur um die  10% (mechanisches und rohstoffliches Recycling). Der prozentuale Anstieg der gesammelten Abfallmengen in 2008 und 2009 ist also kein Fortschritt, sondern erklärt sich aus einem stagnierenden Sammelvolumen bei sinkendem Kunststoffverbrauch in der Wirtschaftskrise.
Man könnte sich fragen: Warum sammeln wir eigentlich jedes Jahr immer nur halb soviel Kunstoff-Abfall wie wir verbrauchen? APME erklärt dies mit den vielen langlebigen Produkten36).
Unsere heutigen Verwertungsquoten - gemessen am Abfall - sind darum eigentlich nur die „halbe Wahrheit“, denn summiert man die nicht gesammelten Kunstoffmengen aus dem Produktionszeitraum von 1993 bis 2010, so sind  noch 406 Millionen Tonnen im Umlauf oder befinden sich an Orten, die uns nicht bekannt sind.


Fazit: Wir sammeln nur die zirka Hälfte unserer verbrauchten Kunststoffe wieder ein und verbrennen und deponieren immer noch drei viertel davon.


Was macht Energie, Wasser und Abfall so interessant?

Alle Ressourcen auf dieser Erde sind endlich und Großkonzerne haben begonnen, die Kontrolle über Energie, Wasser und Abfall anzustreben. Die stattfindende Konzentration in diesen Märkten wird angetrieben von den zu erwartenden sicheren Profitmargen auf Grund der Abhängigkeit von Ländern, ihrer Bürger und Regierungen. Der Ölpreis stieg bis 2008 ungebrochen und die Rohstoffkosten für die Kunststoff-Produktion folgten zwangsläufig und führten zu Konsolidierung und Verlust von Arbeitsplätzen. Inzwischen hatte es sich auch herumgesprochen, daß Amerika nur noch eigene Ölreserven für zirka 40 Jahre hat und eine Zukunftsprognose für die Entwicklung der Kunststoffpreise war eigentlich nicht schwierig. Dann kam die Finanzkrise in 2008/2009, der Ölpreis stürzte ab und die Preise von Massenkunststoffen und deren chemische Vorprodukte sanken sogar in noch stärkerem Maße. Im Zeitraum von November 2008 bis Januar 2009 war Benzol sogar billiger als Öl (aus dem es produziert wird), was die Unwirklichkeit nur noch unterstreicht. Neben der Fokussierung auf die Ressourcen gibt es aber noch andere maßgebliche Zusammenhänge.  Bei niedrigem Ölpreis wird weniger in die Ölförderung investiert, da diese sich in zunehmendem Maße nur bei höheren Ölpreisen rechnet. Also werden geplante Projekte gestoppt, um dann wieder aufgenommen zu werden, wenn eine anziehende Wirtschaft eine bereits vorprogrammierte Angebotsknappheit erzeugt und den Ölpreis wieder steigen läßt. Die Kunststoffpreise werden diesem Trend zwangsläufig folgen.
Steigende Rohstoffkosten erlauben zwangläufig höhere Recyclingkosten und können somit neue attraktive und profitable Industriefelder und Arbeitsplätze schaffen.
2011.09._crude_oil.jpgWas  zu Zeiten billigen Öls unattraktiv war, sollte heute ein intelligenter Schritt zu günstigen Rohstoffkosten sein.
Die neue Strategie zur Rohstoffversorgung der EU Kommission vom November 2008 stellte fest, daß sich die Abhängigkeit von Rohstoffimporten durch Recycling erheblich mindern läßt. Trotzdem werden viele Altstoffe illegal exportiert und gehen der EU so für das Recycling verloren32).
Welche Logik verbirgt sich also hinter hohen unrealistischen Recycling-Quoten der EU Kommission und dem nationalen Subventionieren des Sammelns und Sortierens von Kunststoffabfällen in der EU (oft als Zwangsabgabe für Konsumenten), wenn viele dieser teuer zusammengetragenen Wertstoffe billig nach Fernost verkauft werden, nur um dann als billige Fertigprodukte wieder zu uns zurückzukommen (z.B. Polyester in Textilfasern oder Polystyrol im Spritzguß), um die Wettbewerbsfähigkeit europäischen Produktionsstätten auszuhebeln?
Wenn unsere Bürger schon für das Sammeln der Wertstoffe bezahlen müssen, dann haben sie es eigentlich verdient, daß man neue Recycling-Technologien und Arbeitsplätze für sie schafft, um unsere Kunststoffabfälle wieder zu verwenden.  
Dadurch könnten manche unserer Produkte kostengünstiger sein, weil Rohstoffkosten durch intelligentes Recyceln gesenkt werden können.
Inzwischen geht das Jahr 2011 dem Ende zu, die Wirtschaftskrise klopft erneut an unsere Tür und der durchschnittliche Ölpreis (WTI) liegt wieder bei $80 pro barrel. Er befindet sich also genau  da, wo er Anfang 2008 vor dem Ausbruch der 1. Wirtschaftskrise stand. Die Rohstoffpreise haben ebenfalls angezogen und im Umfeld der Unruhen im Nahen Osten sind Schwankungen vorprogrammiert. Seit 2003 steigen die Ölpreise und zeigen größere Preisausschläge als in der Vergangenheit, aber auf deutlich höherem Niveau. Das gilt natürlich auch für Kunststoffe und deren Vorprodukte und wird somit zum Problem z.B. für Produzenten von Automobilen und Elektro(nik)geräten, da solche Kostensteigerungen nur schwer an die Konsumenten weitergegeben werden können, deren reale Kaufkraft sinkt.  
Wann kommt für Europa eigentlich der Zeitpunkt, aktiv in neue Recyclingtechnologien zu investieren?  

Das Baseler Übereinkommen vom 22. März 1989, auch bekannt als Basler Konvention (vollständiger Titel: Basel Convention on the Control of Transboundary Movements of Hazardous Wastes and Their Disposal), ist ein Rechtswerk, das die "Kontrolle der grenzüberschreitenden Verbringung gefährlicher Abfälle und ihrer Entsorgung (mit Anlagen)" regeln soll.

Die Europäische Union hat die Richtlinien in der EU-Abfallverbringungsverordnung Nr. 259/93/EWG (EG-AbfVerbrV) für alle Mitgliedstaaten rechtsverbindlich umgesetzt (Inkraft getreten 1993). Mit der neuen Verordnung (EG) Nr. 1013/2006 wurde diese Verordnung Nr. 259/93 novelliert. Seit dem 12. Juli 2007 wird diese neue Verordnung angewandt und soll eine Scheinverwertung von Abfällen verhindern.

Vielleicht ist hier eher die Erklärung für einen Teil unseres noch ausstehenden Kunststoffabfalls zu suchen, da dieser zum Teil wegen schlechter Kontrolle inzwischen schon lange in Ghana oder China auf offenem Feld als Elektro(nik)schrott verbrannt wurde, um an die Metalle zu kommen? Die Rauchsignale sollten leicht zu sehen sein.

 

                                                                                    April 2008 / überarbeitet 10/2011                                                                                     Dr. Gerald G. Altnau
                                                                                    Gesellschafter der CreaCycle GmbH
                                                                                    Diese E-Mail-Adresse ist gegen Spam Bots geschützt, Sie müssen JavaScript aktivieren, damit Sie es sehen können  

 

Literatur:
01.  APME – „The compelling facts about plastics“ published January 2008 - PDF
02.  Plastics Europe – “An analysis of plastics consumption and recovery in Europe” published Summer 2004 - PDF
31. Plasticker News 21 April 2006 „EuPR: Concern about Plastics Europe Study on Waste Management“ – Link
32. Neue Strategie der EU Kommission zur Rohstoffversorgung 4.Nov. 2008 - link 
33. Plastics Europe 2008 – Compelling facts about plastics 2007 - link
34. Plastics Europe 2009 – Compelling facts about plastics 2008 - link
35. Plastics Europe 2010 – The Facts – plastic production and recovery 2009 - link
36. Plastics Europe 2011 - The Facts - Plastic Production and Recovery 2010 - link 

 

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